3 Enzyklopädisten und die Französische Revolution


Enzyklopädisten und die Französische Revolution

Enzyklopädisten und die Französische Revolution
 
Nie in der neueren Geschichte haben die Meinungen einer Gruppe von Männern eine so große Rolle gespielt wie in Frankreich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die früher von unermüdlichen Einzelnen, wie Pierre Bayle, in gelehrter Arbeit und scharfer Polemik geleistete Tätigkeit öffentlicher Aufklärung begriffen sie als Aufgabe einer »Gesellschaft von Schriftstellern«. Sie verbanden sich zur Erarbeitung und Herausgabe eines vielbändigen Werkes, das das Wissen ihrer Zeit und die Methode kritischen Denkens sammeln sollte. Jeder dieser Männer war als Einzelner schwach und machtlos gegenüber der Zensur und dem Staat; vereinigt bildeten sie aber eine Macht, um deren Anerkennung die Souveräne Europas warben.
 
Von den Niederlanden aus hatte Pierre Bayle auch in Frankreich das Programm kritischer Prüfung verbreitet; sein »Historisches und kritisches Wörterbuch«, das in den Jahren nach 1696 erschien, wurde ein Grundwerk der europäischen Aufklärung. Es verfuhr aber negativ und stellte nur die falschen Behauptungen anderer richtig, ohne systematisch oder produktiv voranzuschreiten.Voltaire, der während eines Englandaufenthalts von 1726 bis 1728 die Politik, das öffentliche Leben der konstitutionellen Monarchie der Insel und ihre Aufklärungsphilosophie kennen gelernt hatte, kehrte als Deist und Liberaler zurück. Mit den »Philosophischen Briefen« (1734) vollzog er die entscheidende Wende der Kulturpolitik zur Modernisierung; ihnen folgten der Kommentar zur Philosophie Newtons und kulturhistorische Darstellungen. Montesquieu hatte mit den »Persischen Briefen« 1721 die schärfste Satire auf Frankreich verfasst und legte schließlich 1748, ebenfalls von Erfahrungen in England angeregt, die Grundlage für die konstitutionelle Staatslehre in seinem Hauptwerk »Vom Geist der Gesetze«.
 
Es war nun an der Zeit, die Elemente zu sammeln, zu verbinden und fasslich für jedermann darzustellen. Diderot, der eigentlich die englische Enzyklopädie von Chambers übersetzen sollte, entwickelte den umfassenden Plan eines neuen Werkes und gewann dafür Mitarbeiter und Verleger. Nach ersten Schwierigkeiten mit der Zensur und der Inhaftierung Diderots 1749 wegen seines »Briefs über die Blinden« - der als skandalöser Angriff auf die Moral angesehen wurde - bewirkte vor allem das ökonomische Interesse der größten verlegerischen Unternehmung des 18. Jahrhunderts dessen Freilassung und die Fortführung des Werkes. Die Verleger drängten darauf, dass die Investitionen sich auszahlten. Die Enzyklopädie, die ungefähr 60 000 Artikel enthalten sollte, erschien in 35 Bänden von 1751 bis 1780. Zum Schutz vor der immer noch mächtigen Zensur trieb man ein Versteckspiel und brachte, wie Montesquieu in den »Persischen Briefen«, scharfe Kritik unter leicht durchschaubaren exotischen Masken unter.
 
Das Programm der Zusammenfassung des Wissens und der Verbindung der einzelnen Disziplinen war neu, der Anspruch innerer Einheit und praktischen Nutzens in Verbindung mit politischen Zielvorstellungen umwälzend. Diderot tat sich mit d'Alembert zusammen, der den mathematischen Teil leitete und bis 1758 Mitherausgeber war, und gewann, neben einer Reihe bewährter Fachleute, Denker wie Montesquieu, Voltaire und Rousseau. Von den Absichten und Schwierigkeiten berichtete Diderot am anschaulichsten in dem Artikel »Encyclopédie« selbst. Kaum einer der Autoren war es ja gewohnt, sein Wissen fasslich darzustellen und aus Prinzipien herzuleiten. Es musste redigiert und mit den Autoren gearbeitet werden. Vieles konnte bei der Kürze der Zeit und den bescheidenen Mitteln nicht zu Diderots Zufriedenheit gelingen; er hätte am liebsten am Ende alles noch einmal von vorn begonnen. Seine eigenen zukunftweisenden Schriften entstanden außerhalb der »Encyclopédie«.
 
Trotz aller Kompromisse mit der innenpolitischen Situation, trotz des Referierens alter Auffassungen unter den dogmatischen Hauptstichwörtern und ihrer Widerlegung in den Nebenbegriffen, die dem Zensor entgehen mochten, ist die »Encyclopédie« schon von den Zeitgenossen als das maßgebliche Werk der Epoche empfunden worden. Sie wurde das Arsenal der Aufklärung, das den Fanatismus der Geistlichkeit und den Despotismus eines rechtlosen Staates bekämpfte. Die ersten Bände entfesselten denn auch einen Sturm der Entrüstung. Aber die Obrigkeiten waren unter sich uneinig, und im Streit mit der Geistlichkeit unterstützten hohe Beamte sogar das Werk und sicherten seine Fertigstellung. D'Alembert dachte daran, das Unternehmen nach Berlin zu verlegen, wovon Voltaire abriet; Katharina die Große lud Diderot mit seinem Projekt nach Russland ein. Bei einem Erscheinen des Werks im Ausland hätte sich der französische Hof jedoch selbst geschadet und lächerlich gemacht. Das Projekt wurde daher leidlich geduldet.
 
Es musste vieles zusammenkommen, damit aus dem offensichtlichen Widerspruch der bestehenden Zustände zu den einfachsten Grundsätzen des Rechts und des Gemeinwohls eine Revolution wurde: der Staatsbankrott, die Revolte der Notabeln, das Zugeständnis der Schwäche. Die Philosophen hätten sich gewiss eine Umwälzung des Staats ohne Gewalt und ohne die folgenden Kriege und Diktaturen gewünscht, sie war aber nicht einmal England ein Jahrhundert zuvor gelungen. Die Freiheit des Bürgers und die Gleichheit vor dem Gesetz, welche die Philosophen forderten und vorbereiteten, konnte kein unmittelbares Ergebnis der ersten Revolution sein, sondern wurde erst Generationen später, in Frankreich in der Dritten Republik nach 1871, mühsam errungen.
 
Der besondere Charakter der französischen Aufklärung liegt darin, dass Menschen sich unter widrigen äußeren Umständen um einer Sache willen zusammengeschlossen und trotz aller persönlichen Differenzen und Misshelligkeiten ihr Tun dem Gedanken der Wahrheit, der Vernunft und der Freiheit widmeten. In vielen vor allem der kleineren europäischen Staaten wandte man ihre Gedanken an und erzielte Erfolge damit. Sofern die Philosophen nicht sowieso in der Verbannung lebten, waren sie Fremdlinge im eigenen Land, bei denen ausländische Fürsten Rat suchten, während die eigene Regierung den Druck ihrer Schriften verbot. Glänzende Kunstwerke und amüsante Memoiren der Epoche dürfen nicht den Blick auf die unerträglichen und skandalösen Zustände trüben. Die »Encyclopédie« war eines der wichtigsten Mittel, das Bewusstsein von diesem Missverhältnis in weite Kreise zu tragen.
 
Die höfische Kultur des Absolutismus, die sich in ganz Europa der französischen Sprache bediente und diese Sprache geschmeidig und wirkungsvoll gemacht hatte, bereitete den Boden für die Ausbreitung der Ideen, die ihr wiederum das überfällige Ende setzten. Die Kenntnis des Englischen war noch wenig verbreitet, die philosophischen Werke in dieser Sprache wandten sich an ein begrenztes Publikum der Fachleute, und die englischen Sitten und Gesetze waren das Ergebnis einer insulären Situation, die sich nicht verallgemeinern ließ. Der französische Denkstil des klassischen 17. Jahrhunderts war aber auf Universalität gerichtet und machte es den Philosophen der Aufklärung möglich, allgemeine Regeln für jedermanns Verständnis zu formulieren. So hat Voltaire den Stil der literarischen Auseinandersetzung geschärft und zugleich die Begeisterung für religiöse Toleranz und republikanische Ideen geweckt, und so hat Diderot weit über die Organisation der »Enyclopédie« hinaus das solidarische gemeinsame Wirken der Philosophen in die Wege geleitet, das zur Grundlage der politischen Veränderungen nicht nur der Revolution von 1789, sondern auch noch des 19. Jahrhunderts werden sollte.
 
Prof. Dr. Horst Günther
 
 
Geschichte der Philosophie, herausgegeben von Wolfgang Röd. Band 8: Die Philosophie der Neuzeit, Teil 2. Von Newton bis Rousseau. München 1984—89.
 Röd, Wolfgang: Der Weg der Philosophie von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert, Band 2: 17. bis 20. Jahrhundert. München 1996.

Universal-Lexikon. 2012.

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